2017 / 2018

Die Kunst, die Interpretation der Geschichte hinter der Geschichte legendär werden zu lassen

«Strawinsky», interpretiert im Stadttheater Schaffhausen von der Cinevox Junior Company, geht unter die Haut.

Indrani Das Schmid

SCHAFFHAUSEN. Macht – Manipulation – unerwiderte Liebe: Nichts hat sich geändert. Nichts. Oder doch? Als das Publikum am Mittwochabend das Stadttheater Schaffhausen verliess, wirkte es glücklich, aber auch sehr nachdenklich. Glücklich, weil man nicht oft in den Genuss kommt, «Petruschka» und «Le sacre du printemps» von Igor Strawinsky an einem Abend zu sehen. Nachdenklich, weil es nicht oft geschieht, dass deren Interpretation so eindringlich war wie die der Cinevox Junior Company aus Neuhausen. Als Igor Strawinsky sich an die Arbeit über ein Stück aus dem heidnischen Russland machte, fiel ihm die Geschichte des Petruschka ein – des melancholischen Clowns Russlands. 1911 wurde «Petruschka» aufgeführt, zwei Jahre später das eigentlich konzipierte Stück «Le sacre du printemps». Beide mit grossem Erfolg und noch grösseren roten Ohren. Denn beide Stücke waren für viele ein Skandal. Zu offensichtlich verbarg sich hinter der vorgetragenen Geschichte eine andere. Eine, die der Gesellschaft unverblümt den Spiegel vorhielt. So wie Petruschka (Pietro cono Genova) – der Clown – dem Magier (Adelson Carlos). Während der Magier die Geschicke der Menschen wie ein Marionettenspieler seine Puppen leitet und bereits zu Beginn mit einem sehr hohen, sehr präzisen Sprung seine Macht demonstriert, sehnt sich Petruschka nach Liebe. Die er bei der wankelmütigen Ballerina (Cecilia Busti) sucht. Was ihr zwar schmeichelt, sie dennoch ihren Lover (Renan Carvalho) Petruschka vorziehen lässt. Petruschka greift rasend vor Eifersucht diesen an und verliert alles. Auch sein Leben. Die übliche Dreiergeschichte? Nein, während der Magier durch langsame, weit ausholende Bewegungen eine unnahbare Autorität ausstrahlt, äfft Petruschka ihn und sein Gefolge in wie verhühnert wirkenden Bewegungen und einer Agilität, die auch vor komplexen Figuren nicht zurückschreckt, nach. Die Machtfrage ist gestellt.

 

Er lässt die Menschen wie Puppen nach seinem Willen tanzen – der Magier (Adelson Carlson). BILD SELWYN HOFFMANN


Der Gesellschaft den Spiegel vorgetanzt

Auch in «Le sacre du printemps» wird das Jungfrauenopfer, das im heidnischen Russland Tradition war, hinterfragt. Einen Aufbruch in eine neue Welt wollte Igor Strawinsky damit schaffen. Tänzerisch und musikalisch. Die Cinevox Junior Company fügt noch «Darstellung» dazu. Der Versuch des Opfers (Prima Tharathep), ihrer Bestimmung – dem Tod – durch die Umklammerungen durch die anderen Mädchen, durch die Männer und später durch die Gesellschaft zu entgehen, indem sie all das, was von ihr verlangt wird, ausführt, wird mit jeder Variation verzweifelter und aussichtsloser. Obwohl sie allen Ausgrenzungen und Verletzungen zum Trotz immer wieder versucht, sich zu integrieren und den an sie gestellten Anforderungen gerecht zu werden, steigert sich die Gewalt ihr gegenüber. Diese macht auch vor Vergewaltigung nicht halt. Das Opfer stirbt letztlich. Wild, verzweifelt und erschöpft. Ja, diese Ballettstücke sind weltberühmt. Doch diese Tanzcompany unter ihrer künstlerischen Leiterin Malou Fenaroli Leclerc schafft es, durch ungewöhnliche und unverblümte Choreografien (Tarek Assam und Franz Brodmann) und durch ihr tänzerisches Können aus dem Korsett der üblichen Interpretationen auszubrechen. Sie erzählen Allegorien, deren Ausgang ein jeder sich selbst vorstellen kann. Was das Publikum anscheinend auch tat. So still und atemlos, wie es das Bühnengeschehen verfolgte. Das ist Tanztheater im besten Sinne des Wortes.

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